Projekt der Grundschule In Herringhausen entstanden Kunstwerke des Recyclings

 

 Herringhausen. Womit spielen die Kinder in der Dritten Welt, wenn sie nicht über Spielekonsolen verfügen, ja womöglich überhaupt keine Spielsachen haben? Sie basteln sich ihr Spielzeug aus alten Dosen, Drähten und Plastikflaschen. Viertklässler der Grundschule Herringhausen taten es ihnen nach, hatten Spaß und jede Menge Aha-Erlebnisse. 

Da gibt es aber ganz schön was aufzuräumen – der Gedanke drängt sich auf beim Betreten des Klassenraumes. Hammer, Zangen, Klebeband, Schnüre und dazwischen das, was man gemeinhin Müll nennt. Doch auf den zweiten Blick erkannt man, dass die Schüler der vierten Klasse, die hier am Werk sind, aus alten Blechdosen, Kronkorken, Stoffresten, Gummibändern, Plastikflaschen und -tüten gerade etwas Neues erschaffen: Bälle, Flugzeuge, Puppen, ja sogar ein Karussell. Vorbild sind die Objekte, die Franz-Josef Lotte , Mitarbeiter bei der katholischen Friedensbewegung pax christi , mitgebracht hat. Es handelt sich um Spielsachen von Kindern aus Afrika, Asien und Lateinamerika, Spielsachen, die diese Kinder selbst erdacht, konstruiert und gebastelt haben. Nicht nach Bastelbogen und mit Materialien aus dem Hobbybedarf, sondern mit dem, was sie auf der Straße gefunden haben, mit dem Müll unserer Zivilisation. 

Workshop für die eigene Kreativität 

„Die meisten Kinder sitzen zu viel am Fernseher und Computer. Sie ertrinken im Spielzeug. Ein Workshop für die eigene Kreativität wirkt da wie ein Rettungsboot“, sagt Franz-Josef Lotte. Nicht zuletzt von ehrenamtlichen Aufenthalten in Hilfsprojekten in der Dritten Welt weiß er, dass die dort lebenden Kinder, auch wenn sie nicht über derlei Spielsachen verfügen, deshalb nicht weniger das Bedürfnis haben zu spielen . Ein Umstand, der wiederum unseren Kindern nicht immer so bewusst sei. Im Allgemeinen wüssten die zwar, dass viele ihrer Altersgenossen in Afrika sehr arm seien, aber dass sich diese Armut zwangsläufig auch im Mangel an Spielzeug äußere, machten sie sich gar nicht so klar, unterstreicht auch Schulleiter Bernd Brill. 

Vom Kronkorken bis zum Flip-Flop 

Mit dem Bastelprojekt gelinge spielerisch gleich dreierlei: Zum einen würden sich die Schüler ihrer komfortablen Situation wie auch der Umweltaspekte unserer Wegwerfgesellschaft bewusst, zum anderen machten sie die positive Erfahrung ihrer eigenen Kreativität. Außerdem – und das ist Franz-Josef Lotte ganz wichtig – lernten sie die Kinder in der Dritten Welt ganz anders wertzuschätzen. Denn es sind tatsächlich kleine Kunstwerke der Technik und des Recyclings, die er aus Sambia, Mali oder Brasilien mitgebracht hat. Etwa der Radfahrer aus Draht, bei dem so alles mögliche – vom Kronkorken bis zum Flip-Flop – verbaut wurde. „Auch in seinem Heimatland fand der 14-jährige Konstrukteur viele Bewunderer, denen er jetzt das Basteln beibringt. Daraus ist vor Ort eine sich selbst organisierende Jugendgruppe entstanden“, berichtet Lotte. 

Nun, ob das Projekt in Herringhausen solche Kreise zieht, bleibt abzuwarten. Die Schüler geben zu, am liebsten mit Playstation und X-Box zu spielen. Stolz sind sie aber schon auf ihre neuen, selbst gefertigten Spielsachen, denen sie durchaus noch weitere folgen lassen möchten. Ein Auto aus einem Eierkarton mit Sektkorken-Rädern ist schon geplant. Und Aufräumen ist in der Schule wie auch zu Hause Ehrensache. 

 

Ein Artikel von Kerstin Balks 

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